Herz und Hirn! Bitte!

… und da wird auch dein Herz sein,

heißt das Motto des 33. Evangelischen Kirchentages, der heute in Dresden beginnt. Zum ersten Mal hat DIE LINKE ein Kirchentagsproblem. Nicht mit dem Kirchentag, nein, mit sich selbst. Es gibt DIE LINKE nämlich gleich im Doppelpack.

Die eine LINKE ist selbstverständlich engagiert und prominent beim Kirchentag dabei. Auch die ihr nahestehende Rosa Luxemburg Stiftung ist es seit Jahren. Sie hegt und pflegt den Dialog mit vielfältigen Kirchenkreisen. Zunehmend fragen Christinnen und Christen nach dieser LINKEN und engagieren sich mitunter in ihr.

Und dann ist da noch eine LINKE. Parallel zum Kirchentag gibt es in Dresden eine Veranstaltung, die als Gegenveranstaltung zum Kirchentag verstanden wird, eine „religionsfreie Zone“. Veranstalter ist der Verein GeFAHR e.V. Diese will

eine “GeFAHR” für all jene sein, die meinen, unter dem Deckmantel von Religion und Kirche Macht ausüben und lenken zu müssen.

Ihre Ziele sind Aufklärung, Humanismus und Religionsfreiheit. So weit, so vertständlich. Denn natürlich steht es jedem frei, selbst nicht religiös zu sein. Natürlich lassen sich viele Gründe finden, Religion und Kirche kritisch zu sehen. Das muss man nicht nur als persönliches Anliegen sehen, das darf man auch als politische Frage öffentlich machen. Problematisch wird es jedoch, wenn man den anderen, den gläubigen Menschen nicht mehr offen und tolerant begegnet. Wenn man sich über ihn erhebt. Wenn man nicht berücksichtigt, wie man auf andere wirkt, auch auf potentielle Partner.

Überhaupt nicht hinnehmbar ist das Motto dieser anderen Veranstaltung, das im übrigen im Gegensatz zum Kirchentagsmotto auf das in diesem Fall nicht ganz unwichtige Wörtchen “auch” verzichtet:

… und da wird dein Hirn sein.

Kirchentagsmotto

Hirn ohne Herz ist nicht nur gefährlich. Wer den Gläubigen den Verstand abspricht, der kann selbst kaum bei demselben sein. Die Umformung des Kirchentaglogos mit dem aus zwei Händen geformten Herz in ein mit Händen geformten Kreis soll wohl originell sein. Tatsächlich ist sie beleidigend und dumm.

Hirn-Aufkleber

Mag man über eine solche Veranstaltung noch milde urteilen, sie wissen nicht was sie tun, sie ahnen nicht, dass sie sich wie der berühmte Elefant im Porzellan bewegen. Aber was hat den Stadtverband der LINKEN geritten, Logo und Auffassungen unkommentiert und groß in der eignen Zeitung zu veröffentlichen? Damit sind Grenzen überschritten, die eine solidarische und tolerante, sensible und weltoffene LINKE nicht überschreiten darf. Deshalb bleib mit als Atheisten nichts weiter übrig, den Kirchentag gegen eine intolerante, mindestens aber unsensible LINKE zu verteidigen.

Nicht zuletzt ist diese Veröffentlichung in der offiziellen Seite der LINKEN politisch dumm. Denn diesen Kirchentag trifft es völlig zu unrecht. Er steht im Ruf, links und hoch politisch zu sein. Man fragt sich, ob jemals einer der Kritikerinnen und Kritiker je bei einem Kirchentag war. Dieser ist nämlich neben allen religiösen Veranstaltungen immer auch einer Begegnung unterschiedlichster Menschen, ein großes Treffen der Gesellschaft. Hier kann man Zuhören und Mitstreiter gewinnen. Im sächsischen Landtag hat die Linke dafür gekämpft, dass auch das Gebäude des Landtages für Veranstaltungen des Kirchentages zur Verfügung gestellt wird. Es war die CDU, die das abgelehnt hat.

Warum versucht man nicht mit den Besuchern des Kirchentages ins Gespräch zu kommen? Spannend wäre doch, wenn Gläubige und nicht Gläubige in den Dialog über Laizismus, über Glauben und Atheismus kommen. Eine vertane Chance. Für die „religionsfreie Zone“ und für DIE LINKE. Aus den Blick geraten sind die Menschen, die sich für den Glauben entschieden haben und sich politisch links einordnen.

11 Gedanken zu „Herz und Hirn! Bitte!

  1. Erstaunlich, dass der Verteidigungsminister auf dem Kirchentag spricht.
    Das wussten wir Top-Leute schon immer: Krieg und Religion sowie Luxus gehören immer zusammen…

  2. Ein Beitrag, der sich vor allen durch Unkenntnis und Wichtigtuerei auszeichnet. Wo bitte haben die Leute von GeFAHR e.V. je behauptet, eine “Gegenveranstaltung” zum Kirchentag aufzuziehen? Ihr Etat bewegt sich gegenüber dem Kirchentag noch nicht einmal im Promillebereich, insbesondere werden sie auch nicht aus öffentlichen Kassen finanziert (wie das beim Kirchentag in zweistelliger Millionenhöhe der Fall ist). Wer sagt übrigens, dass sie nicht mit Kirchentagsbesuchern ins Gespräch gekommen wären? An ihren Diskussionsveranstaltungen haben sowohl im Podium , als auch im Publikum überdurchschnittlich viele evangelische und katholische Christen teilgenommen, selbst ein prominentes CDU-Mitglied wurden gesichtet. Und dass, obwohl die Schauburg vom Kirchentagsgelände etwas abgelegen ist. Und die Buttons und Aufkleber ” … und da wird Dein Hirn sein” waren auch bei jungen Kirchentagsbesuchern sehr begehrt.

  3. es ist doch ganz einfach: die einen wollen probleme mit vernunft lösen, die anderen ergeben sich dem gotteswahn. es ist ein bezeichnendes zeichen, dass die angeblich linke partei sich in derart obszöner weise bei den feinden der vernunft anbiedert – und zwar noch nicht einmal aus politischem kalkül, sondern ganz ernst und rechtgläubig. ich lasse mich lieber von politikern vertreten, die das hirn benutzen. wenn das bedeutet, eine religionsgeile linke links, rechts oder wo auch immer liegen zu lassen, dann muss das wohl sein.

  4. Es ist schon traurig solch unqualifizierte Presse hinnehmen zu müssen. In der Religionsfreien Zone war natürlich nicht zuletzt durch das Motto Provokation als Anregung zum Diskurs gewünscht. Alle waren mit Herz und Hirn willkommen und keinem Christen wurde der Verstand abgesprochen. Nie wurden wir müde mit und nicht über die Menschen zu sprechen, denn Pluralismus funktioniert nur so. Leider zeugt der Artikel nur allzu sehr davon, dass der Autor sich nicht einmal die Mühe machte vorbei zu schauen. Die Gespräche am Infostand vor der Schauburg waren emotional, aber stets von gegenseitigem Respekt geprägt. Intoleranz? Lieber Herr Trunschke, lesen Sie doch wenigstens mal das Programm der Aktion! Die Podien waren mit Christen und Theologen genauso gefüllt wie auch mit Vertretern der säkularen Humanisten und auch Vertretern der LINKEN. Diesen unbeherrschten Angriff verstehe ich offengestanden nicht, denn die ganze Veranstaltung stand (bei aller Provokation) unter einem Stern der Verständigung und des vorwärts Denkens. Wo wären die Menschen, die ein Weltbild ohne Gott vertreten und eine zeitgemäße Ethik ohne Glaubenssysteme leben denn sonst aufgehoben gewesen?
    Nach unzähligen Gesprächen mit Kirchentagsbesuchern und vielen säkularen Humanisten (übrigens schließt sich das nicht aus!) kann ich nur sagen: Schade! Schade, dass Sie das Hirn zum Kreis machen.

  5. Hüstl. Das ist kein Kreis. Das ist was Anatomisches. Na gut, wer noch nicht im Jahre 2011 angekommen ist, erkennt das nicht …

  6. wer provokant herz gegen hirn setzt, will zum dialog einladen? das nennt sich respektvoller umgang mit gläubigen? welcher hinlose soll sich da eingeladen fühlen? mit wem will ich auf diese weise ins gespräch kommen? was hat der andere mir zu sagen, wenn ich ihm geist abspreche? ist euch eigentlich mal aufgefallen, welche rolle der vernunftbegriff bei ratzinger hat? macht euch mal die mühe lest seine berühmte antrittsrede. ich dachte immer linken geht es in erster linie um gesellschaftskritik? wo ist das gesellschaftskritische beim hirn oder beim herz und wo ist platz für gedanken für eine solidarische welt, wenn ansprache an andersdenkende sich geist- und respektlos zeigt? solche linke wollen also mehrheiten für eine andere welt gewinnen? wo sollen die denn herkommen, wenn die mehrheit religiös gebunden ist? oder ist es gar nicht so ernst mit der anderen welt? oder kommt die andere welt erst wenn relionen abgestorben sind? der alte gysi sagte 1981 das mit dem absterben sei eine ahistorische frage – sie – die religion würde erst dann absterben, wenn der mensch sich mit seinem tod abgefunden hat – ist sicher nur ein aspekt – lohnt sich trotzdem mal darüber nachzudenken, abgesehen davon dass es ja auch noch diesen satz von marx gibt, dass religion ausdruck des wirklichen elend und zugleich protestation gegen das wirkliche elend ist – solle man auch mal drüber nachdenken – die befreiungstheologen haben genau da angesetzt mit ihrer kirchen- und gesellschaftskritik.
    ach was soll’s, nichts neues, und dann tut man noch so, als müsste man alles neu erfinden. ich antworte lieber auf strohschneider …

  7. Abgesehen davon, dass sich die Veranstalter der religionsfreien Zone keineswegs wie “der Elefant im Porzellan-Laden” benahmen (ich war dort): Atheisten und Agnostiker sollten sich genau überlegen, ob ein Schmusekurs mit der Kirche wirklich angebracht ist. Die Generalsekretärin des Kirchentags Ellen Ueberschär z.B. äußerte voriges Jahr in einer Talkrunde bei tacheles, in Ostdeutschland hätten ganze Regionen kein Wertekostüm, weil in der DDR der Atheismus die herrschende Auffassung war. Ich glaube nicht, dass sie ihre Meinung geändert hat.

  8. Pingback: Religionsfreie Zone: Auftrag erfolgreich? « Atheist Media Blog

  9. Achso, das sollte ein Kreis sein! Ich Idiot dachte, die Hände formten ein von der Seite betrachtetes Gehirn. Dann war das Ding von den Christen wohl auch kein Herz, wie ich erst dachte, sondern zwei Hinterbacken, richtig? Ist ja auch viel logischer…

  10. Pingback: Bodo Ramelow: ein sozialistischer Christ?

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