Linke ohne Hoffnung sind wie Christen ohne Glaube. Meine Eindrücke vom 33. Evang. Kirchentag in Dresden

Von Mathis Oberhof aus Wandlitz habe ich folgenden Bericht vom Kirchentag für diesen Blog erhalten:

Nach vier Tagen Kirchentag verstehe ich viele LINKE (in ihrem verbohrten Atheismus) noch weniger als vorher. Ich lese nicht nur auf Facebook, sondern auch z.B. in der taz

  • abfälliges über den angeblich unpolitischen Kirchentag,
  • die „abstoßende Margot-Käßmann-Superstar-Show“,
  • beim Blog „Lafontaines-Linke” streiten sich unterschiedliche Linke, wie verdummend Religion sei,
  • und im NEUEN DEUTSCHLAND steht fast gar nix.

Was ist wirklich geschehen?

Erstmals in der Kirchengeschichte (nein, dies ist keine Übertreibung) nimmt der erste Vertreter von 25 Millionen evangelischen Christen, der Vorsitzende der EKD, Präses Nikolaus Schneider, teil an einen Empfang einer linkssozialistischen Partei, wobei es von seiner Seite aus sogar zu einer Umarmung mit dem Vorsitzenden der Linksfraktion Gregort Gysi kommt. Gast auf dem selben Empfang ist Professor Dr. Konrad Raiser, der von 1992 bis 2003 Generalsekretär des Ökumenischen Weltkirchenrates (ÖRK) war, einem Zusammenschlusss aller(!) christlichen Kirchen der Welt mit Ausnahme der römisch-katholischen Kirche. Konrad Raiser war auch Moderator der Redaktionskonferenz des ÖRK , die im April 2011 in Caracas ein neues Grundsatz-Dokument „Für einen gerechten Frieden“ verabschiedete, das eindeutig anti-neoliberale Ausrichtung hat, sich weltweit für eine sozial-ökologische Wende, für allseitigen Gewaltverzicht, und gegen jegliche Kriegseinsätze ausspricht. Auf dem Empfang nahm ebenfalls teil der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland Aiman Mazyek, der derzeit auch der Sprecher aller muslimischen Vereinigungen in Deutschland ist.

Später wird an einer gemeinsamen Diskussion der Rosa-Luxemburg-Stiftung zum Kirchentag noch dabei sein, der Leiter des einzigen Rabbiner-Kollegs in Deutschland, Walter Homolka, der gleichzeitig Sprecher der liberalen Juden in ganz Europa ist. Bei einer Veranstaltung der Rosa-Luxemburg-Stiftung beim Markt der Möglichkeiten des Kirchentages wird neben Katja Kipping der Bischof der Protestanten in Namibia, Dr. Zephania Kameeta, teilnehmen, um von den beeindruckenden Ergebnisses eines Projekts „Bedingungsloses Grundeinkommen“ in der namibischen Provinz Ojivero zu berichten.

Keine Sensation ist es,

  • dass Petra Pau, die Vizepräsidentin des deutschen Bundestages, im offiziellen Programm dabei ist „Freiheit trifft Gleichheit“ (hier Kerngedanken als PDF),
  • dass Katja Kipping in einem offiziellen Forum zum Bedingungslosen Grundeinkommen vor hunderten von Zuhörern auftritt,
  • dass der religionspolitische Sprecher der LINKSFRAKTION Raju Sharma an einem Forum teilnimmt zu den sozialen Rechten von Kirchen-Angestellten und
  • Bodo Ramelow sowieso allgegenwärtig zwischen Stand der Rosa-Luxemburg-Stiftung, dem „Seminar zum Kirchentag“ und dem Stand der „Christinnen und Christen in der LINKSPARTEI“ (ganz in der Nähe der Stände der ChristInnen-AGs der anderen Parteien) hin- und hereilt.

Allein dies schon erfreulich für die LINKE und die Linken innerhalb und ausserhalb der religiösen Gemeinschaften.

Dass die Veranstaltungen mit Margot Käßmann regelmäßig wegen Überfüllung nach aussen übertragen werden, dass sie wiederholt, unter anderem auf dem Nachtgebet vor 17.000 Teilnehmern: erklärt:

  • nichts ist gut in Afganistan,
  • nichts ist gut an deutschen Waffenexporten,
  • nichts ist gut an der wachsenden Armut in Deutschland,

ist schon fast geschenkt;

  • dass in hunderten großer und kleiner Veranstaltungen über die Kräfte und die Schritte zu einer sozial-ökologischen Transformation diskutiert und gerungen wird,
  • dass im „Dorothee-Sölle“ Workshop über Formen militanter Widertandsaktionen linker Christen in den USA berichtet wird, die in Atomwaffen-Lager einbrachen und die dortige Munition mit ihrem eigenen Blut unbrauchbar machten,
  • dass vor mehr als 2000 Menschen der „Ökumenische Aufruf für einen gerechten Frieden“ verkündet wird, der in 42 Thesen konkrete Schritte zur Überwindung eines nur auf Profit ausgelegten Wirtschaftssystems in eine Welt ohne Krieg und Ausbeutung von Mensch und Natur weist,

das alles und noch viele, viele Details zusammen ergeben für mich die Einschätzung:

Dies war der bisher linkeste Kirchentag seit es Kirchentage gibt.

Er gibt Anlass zur Hoffnung. Viele Linke sehen es anders. Wenn sie Kirchentag hören, verstehen sie Hexenverbrennung, wenn sie Glaube hören, verstehen sie Verdummung, wenn sie Liebe hören, verstehen sie Entpolitisierung. Sie können sich nicht vorstellen, dass von Gläubigen eine Veränderung ausgehen könnte, die verbindet, die zusammenführt und nicht ausgrenzt. Also grenzen sie selber aus.

Sie haben keine Hoffnung, so wie es die Landessprecherin der LINKEN in Schleswig-Holstein, auf dem zeitgleich mit dem Kirchentag stattfindenden Landesparteitag ihrer Organisation erklärte:“ Wer von Hoffnung lebt, stirbt an Verzweiflung“. Ich empfinde es zur Zeit umgekehrt: weil die LINKE keine Hoffnung ausstrahlt, treten Mitglieder in Scharen aus, stirbt sie langsam vor sich hin. LINKE ohne Hoffnung sind wie Christen ohne Glauben! Aber man kann es gerne auch umstellen: LINKE ohne Glauben sind wie Christen ohne Hoffnung. Walter Homolka, der Leiter des Potsdamer Rabbiner-Kollegs nannte es so: “Wir sind uns doch alle einig im GLAUBEN AN VERÄNDERUNG”.

Könnte es sein, dass jene, die so militant Angst vor Spiritualität haben, dass sie diese immer wieder versuchen, ins Lächerlche zu ziehen, diesen Glauben (an Veränderung und Veränderbarkeit) gar nicht teilen? Wer Links sein will, weil er sicher ist, dass oben immer oben und unten immer unten bleibt, wer keine Hoffnung hat, keinen Glauben an die Mobilisierbarkeit der Menschen für ihre eigenen Ziele und Interessen in aller pluralistischen Vielfältig- und Widersprüchlichkeit, nein, der ist nach meinem Dafürhalten kein Linker. Hoffnungslosigkeit, Resignation – das ist der Nährboden für rechte Verführer, nicht für emanzipatorische Selbsttätigkeit.

Oh ja – weiß-Gott, ich kenne nicht wenige Christen, die mit ihrem Glauben hadern, zweifeln, sich rumquälen an der Frage: wer ist Gott, was ist Gott? Gibt’s ein Leben nach dem Tod. Ich gehöre zu denen, die aus dem uralten Buch viel Kraft und Hoffnung ziehen. Dass der Mensch in der Lage ist, ein „Gutes Leben“(Buen Vivir: Sumak kawsay) im Einklang mit der Natur, friedlich und gerecht und so zu leben, dass die Freiheit des einzelnen die Voraussetzung für die Freiheit aller ist.

Das ist für mich das HIMMELREICH.

In der Bibelübersetzung des 33. evangelischen Kirchentags, wurde das Lutherwort vom „Himmelreich“ jeweils übersetzt mit den Worten: „Die gerechte Ordnung Gottes“. Hier und jetzt. Ja, ich glaube daran. Auf Spanisch singen sie es in Lateinamerika so: El pueblo unido, jamás será vencido. Nur, wenn das Volk geeint ist, kann es nicht mehr besiegt werden. Dazu gehört auch, dass Christen und Atheisten die Gemeinsamkeiten höher schätzen, als das Trennende.-

Aber auch dran glaube ich.

Mathis Oberhof, oberhof.blog.de

Ein Gedanke zu „Linke ohne Hoffnung sind wie Christen ohne Glaube. Meine Eindrücke vom 33. Evang. Kirchentag in Dresden

  1. Wie ich eben erst sah, funktionierte der Link nicht mehr zum ÖKUMENISCHEN AUFRUF FÜR EINEN GERECHTEN FRIEDEN. hier klappts: http://www.gewaltueberwinden.org/de/materialien/oerk-materialien/dokumente/erklaerungen-zum-gerechten-frie/ein-oekumenischer-aufruf-zum-gerechten-frieden.html

    Weil ich das Dokument für sehr klug und den innerchristlichen , aber auch Dialog zwischen den Religionen und mit Atheisten für sehr wichtig halte, habe ih ihn auch zum anhören auf youtube besprochen, hier: http://www.bit.ly/Gerechtigkeitundfrieden

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