Kirchentag mal anders … Ein Beitrag für den Rundbrief des Instituts für Theologie und Politik von Selina Moll

Von Michael Ramminger habe ich folgenden interessanten Rückblick auf den Kirchentag erhalten:

Ich blicke zurück auf den 33. Evangelischen Kirchentag in Dresden und bin verwundert. Themen wie ziviler Ungehorsam, befreiende Theologien, engagierte Reden für Transformationsprozesse von unten, scharfe Kapitalismus- und Herrschaftskritik kommen mir in den Sinn. Was ist geschehen? Glauben wir den Zusammenfassungen des ZDF, dann ist der Kirchentag tatsächlich politisch gewesen! Und, ja, Aspekte wie der Atomausstieg, Afghanistaneinsatz, Stuttgart 21 kamen zur Sprache und wurden diskutiert. Außerdem gab es wieder mehr Resolutionen als bei den letzten Kirchentagen.

Genannt sei die Resolution „Für einen Raum für gleichgeschlechtliche Lebensformen in der Kirche“ und die Resolution „Gegen die Abschiebungen von Roma in die Republik Kosovo“. Vielleicht waren politische Themen beim diesjährigen Kirchentag mehr vertreten als in den letzten Jahren, vielleicht hat er sogar zur Politisierung von einzelnen Jugendlichen oder Gemeindemitgliedern geführt. Beim genauen Hinsehen fällt jedoch auf, dass ein übergeordnetes Thema fehlte und keine klare Positionierung des Kirchentags zu finden war. Hitzige Diskussionen wurden ausgespart und Brennpunktthemen kamen nicht zur Sprache. Es kommen nur die Aspekte zur Sprache, die zur Zeit in aller Munde sind. Was ist aber mit der Grenzschutzagentur FRONTEX, die für eine rassistische Abschottungspolitik der EU steht? Wo wird über den Sozial- und Demokratieabbau in Deutschland gestritten? Was ist mit Kapitalismuskritik? Sind „Arme“ wirklich der Mittelpunkt des Kirchentags? In den 80er Jahren wurde der damalige Verteidigungsminister Hans Apel noch mit Eiern beworfen — dem heutigen Verteidigungsminister Thomas de Maizière, der für eine militärische Beteiligung der Bundeswehr in kriegerischen Auseinandersetzungen steht, wird mit wohlwollendem Verständnis begegnet. Die zuerst genannten Stichwörter aus meiner Erinnerung stammen allesamt aus Veranstaltungen, die parallel zum Kirchentag verliefen und nicht ins Programm aufgenommen wurden. Eine Mitarbeit von unten ist von den VeranstalterInnen nicht gewünscht; so erlebte es z. B. Publik Forum bei den Programmanfragen. Um dieses Sonderprogramm zu stützen, möchte ich zwei Veranstaltungen herausheben, die ich besucht habe.

Am Rande: Diskussionen über Gewalt und Demokratie

Bei einer Veranstaltung über ChristInnen im Widerstand gegen Rechtsextremismus war der Jenaer Bürgermeister Schröter anwesend. Er beeindruckte durch seine klare Befürwortung und Mobilisierung zu den Anti-Nazi-Blockaden und darüber hinaus durch seine Anerkennung, dass unterschiedliche Aktionsformen notwendig sind, um zur Zeit Anti-Nazi-Blockaden erfolgreich werden zu lassen. Von BlockiererInnen-Perspektive aus wurde deutlich, dass genau hier ein Spannungsfeld beginnt. Inwieweit sollte mensch sich von sogenannten „ChaotInnen“ — die zum Beispiel Mülltonnen anzündeten — abgrenzen, um auch Menschen aus der „Mitte“ der Gesellschaft für weitere Blockaden zu gewinnen, oder inwieweit zersplittert gerade solch eine Abgrenzung die Bewegung, schafft Feindbilder, die für Repression und Medien ein gefundenes Fressen sind, und verkennt eben, dass manche Blockaden erst durch genau solche „Ablenkungsmanöver“ möglich waren. Gewaltlosigkeit darf nicht mit Unschuld verwechselt werden.

Ein Vertreter der Interventionistischen Linken betonte, dass nicht angezündete Autos, sondern die strukturelle Gewalt unser Problem ist, das Unmut und Wut provozieren sollte.

Eine weitere Veranstaltung handelte von Aufbrüchen und Ausbrüchen im globalen Kapitalismus. Es diskutierten zwei VertreterInnen des Centro Memorial Martin-Luther-King aus Cuba und Sabine Kebir, freie Publizistin aus Berlin, die zeitweise in Algerien gelebt hat. Inwieweit stellen die Umbrüche in Abya Yala (Lateinamerika) und Nordafrika einen Bruch mit neoliberalen  Abhängigkeiten dar? Sabine Kebir sah die Revolten in Nordafrika in der Verschlechterung der Verhältnisse begründet, was sich besonders in zunehmender Arbeitslosigkeit von jungen Menschen und Wohnungsnot zeigte. Die Situation explodierte dann in Folge der Weltwirtschaftskrise mit einer Verteuerung von Grundnahrungsmitteln. Die Lebensmittelkrise betraf nun auch die Mittelklasse, was das Fass zum Überlaufen brachte. Kebir plädierte dafür den Arabischen Frühling zu unterstützen, auch wenn es nicht die transformatorische Umwälzung sei, sondern eher eine reformatorische.

Dabei müsse sich Nordafrika von der neoliberalen Ausbeutung und den neokolonialen Abhängigkeiten, vor allem von der EU, trennen. In Bezug auf die Befreiung aus neoliberalem Imperialismus war es den VertreterInnen aus Cuba wichtig, positive Veränderungen zu benennen: In den letzten 20 Jahren gab es aus ihrer Sicht in Lateinamerika eine Verabschiedung vom Kapitalismus und einen Niedergang des Neoliberalismus sowohl auf politischer Ebene (Venezuela, Bolivien) als auch auf Ebene der sozialen Bewegungen. Dabei sei es zentral, mit der Hegemonie der USA zu brechen und so zum Beispiel die Handelsfreiräume der USA einzuschränken. Innerhalb dieser neuen Bewegungen muss gefragt werden, was Demokratie bedeutet. In den verschiedenen Kontexten müssen Formen von Alternativen verwirklicht werden. Es ist dabei egal, ob wir es Sozialismus, Anarchismus oder gutes Leben nennen — es kommt auf die Selbstorganisierungs- und Partizipationsprozesse von unten an.

Wider falsche Sicherheiten

Es gab natürlich auch gute Veranstaltungen und Momente auf dem Kirchentag. Da war ein Gottesdienst mit differently-abled people, die beeindruckende Nacht der Lichter auf der Elbe, interessante Gespräche bei den Ständen auf dem Markt der Möglichkeiten, meditative Momente und gute Veranstaltungen in der feministisch-theologischen Basisfakultät. Aber um was geht es an einem Kirchentag?

Die Sonderveranstaltungen zum Kirchentag ermutigten zum Widerstand und aktiven zivilen Ungehorsam. ChristInnen müssen aufpassen, nicht in falsche Sicherheiten, vorschnelles Zurückschrecken vor „Illegalität“ und blindes Vertrauen in die Herrschenden zu verfallen, sondern die Umbrüche hin zu einer gerechten Welt Gottes mutig und wütend selbst in die Hand nehmen. Es gibt keine Versöhnung ohne Gerechtigkeit! Christus und Kirche werden dort sichtbar, wo Menschen mutig aufstehen, „nein“ sagen zu Ungerechtigkeiten, prophetisch ihre Stimme und Hände erheben und einschreiten für eine gerechte Welt Gottes.

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