Frankfurt im Oktober 2012 – Widerstand gegen den neoliberalen Zeitgeist: Blockupy und Konziliare Versammlung in Frankfurt am Main

Von Ilsegret Fink und Cornelia Hildebrandt

Am Abend des 18. Oktober versammelten sich über 1000 Menschen in der Paulskirche, um sich an die kirchen- und gesellschaftsprägenden  Aufbrüche des zweiten Vatikanischen Konzils (1962 – 1965) zu erinnern.  Zu den RednerInnen zählten neben Prof. Dr. Hans Küng, Konzilsberater und Bischof em. Luigi  Bettazzi, Italien, der letzte noch lebende Bischof des radikal kirchenkritischen „Katakombenpaktes für eine dienende und arme Kirche“, der  während des Konzils von 40 Bischöfen unterschrieben wurde, und Susann George, Mitbegründerin von ATTAC, Frankreich.  An den darauf folgenden Tagen beteiligten sich über 500 Menschen an den Seminaren der Konziliaren Versammlung: „Zeichen der Zeit – Hoffen und Widerstehen“, in denen grundsätzliche Fragen der Kirchen- und Gesellschaftsentwicklung  angesichts globaler Krisen des Kapitalismus aufgeworfen und geradezu revolutionär diskutiert wurden.

Zur gleichen Zeit diskutierten bis zu  300 TeilnehmerInnen im Zelt von Blockupy mitten auf dem Frankfurter Rossplatz zu den Themen „Occupy Democracy“, „Vom Spardiktat zur Rückgewinnung des Öffentlichen“ und „Wege aus der Krise in Europa“. Die Stimmung war gut und mit Gästen aus Griechenland, Spanien, Italien und Portugal bekamen  die Debatten eine wirklich europäische Dimension. Auch am Sonntag fanden sich mehr als 150 Aktivisten zur Aktionskonferenz ein. Organisiert wurde diese Konferenz vom Blockupy-Bündnis zu dem bisher Attac, die Partei DIE LINKE, die Interventionistische Linke, Erwerbsloseninitiativen, Occupy-AktivistInnen, Verdi Stuttgart, der GEW, die Grüne Jugend und weitere Organisationen gehören. Seit diesem Wochenende wollen auch das Netzwerk Friedenskooperative und das Bündnis „Ums Ganze“ mitarbeiten.  Zu den Diskussionsthemen gehörte die Analyse der Aushöhlung der Demokratie, die Forderung  nach Re-Demokratisierung, die konsequent auch die Wirtschaft betreffen müsste. Scharf wurde die Sparpolitik kritisiert, weil sie immer mehr Menschen in  Armut und unwürdiges Leben treibt. So beschrieb Yannis Bournous, Sprecher der griechischen Partei Syriza diese Folgen für Griechenland: 35 Prozent Arbeitslosigkeit, 50 Prozent Jugendarbeitslosigkeit, ein Viertel der Bevölkerung lebt unterhalb der Armutsgrenze, zwei Drittel können sich ihre Medikamente nicht mehr leisten und 25000 Obdachlose leben allein in Athen – in Griechenland herrsche längst eine humanitäre Katastrophe.

Zwei Diskussionsforen  in einer Stadt: in denen nahezu zeitgleich grundlegende Probleme der  globalen Krisen des Kapitalismus diskutiert werden und an denen über Alternativen wie auch über breitere Bündnisse nachgedacht wurde. Es waren die gleichen brennenden Fragen nur in unterschiedlichen Kontexten diskutiert:

So wurde das gesellschaftliche System mit ganz unterschiedlichen weltanschaulichen Bezügen in Frage gestellt – also auch aus christlichem Glauben – und gesellschaftskritisch auf der Suche nach neuen, breiteren und tragfähigeren Bündnissen.  Es gibt dabei viele gemeinsame Themen aus denen Brücken gebaut werden könnten auch für die gemeinsame Suche nach Alternativen zum Kapitalismus.

Aber dieses erfordert von beiden Seiten eine neue Kultur des Zuhörens und gemeinsame Praxen, die befähigen unterschiedliche Handlungsoptionen und Protestformen zu akzeptieren, die zivil, ungehorsam und gewaltfrei sind.

Der nachfolgende Bericht ist ausführlich der Konziliaren Versammlung gewidmet.

Viele Katholiken  in anderen Ländern und Kontinenten erinnern  anlässlich des 50. Jahrestages der Eröffnung des Zweiten Vatikanischen Konzils  an die absichtlich verdrängten ungewöhnlichen Aufbrüche wie z.B. sich biblisch als  „Kirche der Armen“ zu verstehen. Was ist daraus geworden?

Die Konziliare Versammlung in Frankfurt 2012  – getragen von über 30 Initiativen und Bewegungen, u.a.  vom Institut für Theologie und Politik, Kirchenvolksbewegung „Wir sind Kirche“, Publik Forum, Plattform „Theologie der Befreiung“, ökumenisches Netzwerk „Kirche von Unten“, Arbeitsge­meinschaft Feminismus und Kirchen e.V. KAIROS Europa, Arbeitsgemeinschaft von Priestern – und Solidaritätsgruppen in Deutschland (AGP), Pax Christi und Kommission für Globalisierung und soziale Gerechtigkeit,  Initiative Ordensleute für den Frieden und Christinnen für den Sozialismus, BRD.

Vor genau 50 Jahren hatte Papst Johannes der XXIII das zweite Vatikanische Konzil einberufen, weil er überzeugt war, dass die katholische Weltkirche dringlich in neuer Weise  weltweit Verantwortung übernehmen müsse „als Kirche der Armen“, d.h.  für die Menschen, deren Leben zunehmend von Kriegen, mangelnder Ernährung, Flucht und Obdachlosigkeit an die Existenzgrenze gebracht werden. In dieser weltweiten Versammlung der Bischöfe gingen einige sogar soweit, zu einem „Katakomben- Pakt“ aufzufordern, der an das Selbstverständnis der ersten christlichen Gemeinden – speziell in Rom anknüpfen  sollte. Danach sollte die katholische Kirche verpflichten werden, Schutz und Freiheit auch den Menschen zu garantieren, die noch immer in kolonialer Abhängigkeit leben.  Der „Katakomben-Pakt“ wurde von 40 Bischöfen unterschrieben und legten das Gelübde ab, ein einfaches Leben zu führen und den Machtinsignien zu entsagen, sowie einen Pakt mit den Armen zu schließen. Über 500 haben sich ihm angeschlossen.

Im Text heißt es: „… Wir werden weder Immobilien noch Mobiliar besitzen noch mit eigenem Namen über Bankkonten verfügen und alles, was an Besitz notwendig sein sollte, auf den Namen der Diözese bzw. der sozialen bzw. caritativen Werke überschreiben. Wir werden alles dafür tun, dass die verantwortlichen Regierungen und unsere öffentlichen Dienste solche Gesetze, Strukturen und gesellschaftlichen Institutionen schaffen und wirksam werden lassen, die für Gerechtigkeit, Gleichheit und gesamtmenschlichen harmonischen Entwicklung jedes Menschen und aller Menschen notwendig sind. „Dadurch soll eine neue Gesellschaftsordnung entstehen, die der Würde der Menschen- und Gottes Kinder entspricht!“…

Die Katholische Kirche wollte sich mit diesem Konzil nach dem, durch den deutschen Faschismus entfesselten Zweiten Weltkrieg und der bisher unvorstellbaren moralischen Katastrophe des rassistischen Völkermordes – wie  in Ausschwitz –  für grundlegende  Veränderungen gesell­schaftlicher Bedingungen einsetzen. Das erste Vatikanische Konzil hatte 1870 die folgenschwere, für Katholiken weltweit verbindliche  Entscheidung getroffen, dass der Papst „ex cathedra in Glaubensfragen und Kirchenlehre unfehlbar sei. Was wäre, wenn vor 50 Jahren die Forderung von Papst Johannes XXIII, dass die reiche katholische Kirche sich an die Seite der „weltweit Armen“ zu stellen habe, als „unfehlbare Entscheidung“ von allen Katholiken der Welt für alle Katholiken der Welt gegolten hätte.

2.540 Bischöfe (Konzilsväter) und Delegierten diskutierten von 1962 – 1965 die Forderung nach einer radikalen biblischen Neubesinnung, die in Lateinamerika schon als „Theologie der Befreiung“ – erhofft wurde.  Aber dieser politisch weitsichtige  Papst starb noch während des Konzils und die restaurativen Kräfte, die nicht bereit waren ihren Traum von einer machtvollen Papst-Kirche aufzugeben, verbündeten sich nicht mit den Armen, sondern mit den Entscheidungsträgern aus Politik und Wirtschaft der herrschenden Klasse, die gesellschaftlich revolutionäre Prozesse  schon immer  als „Gottlosigkeit“ denunzierten.

50 Jahre nach diesem verheißungsvollen Aufbruch, der in Restauration steckenblieb, rufen katholische Christen das zweite Vatikanische Konzil in Erinnerung und ergänzen die Kritik jener Konzilsväter um ihr „Nein“ gegen die Verwüstung der Natur, der drastischen Militarisierung des Kampfes der Reichen gegen die Armen und ihr „Nein“ zum Umgang mit der moralisch nicht begrenzten Macht in Wirtschaft und Aufrüstung.  Tatsächlich ist es in grandioser Organisationsleistung vieler Freiwilliger gelungen, im Oktober 2012 in Frankfurt eine „Konziliare Versammlung zu den „Zeichen der Zeit – Hoffnung und Widerstand“ abzuhalten.

Mit „Hoffnung und Widerstand“ wurde die Intension des zweiten Vatikanischen Konzils aufgegriffen, und weitergedacht, denn  in den dazwischenliegenden  50 Jahren hat sich die Situation der Weltbevölkerung wie auch die fortschreitende Vernichtung der Lebensgrundlagen für Menschen und Tiere in katastrophalem Tempo verschlechtert.

In der traditionsreichen Paulskirche in Frankfurt am Main versammelten sich 1000 nun nach 50 Jahren  erneut engagierte Christen, die sich von Zeitzeugen des zweiten Vatikanischen Konzils über die Forderungen und Beschlüsse von  damals  noch einmal verbindlich informieren ließen. Am zweiten Konferenztag folgte ein „ausführlich weit gespanntes kritisches Programm auch im Saalbau Gallus,  in dem zeitgleich zum Vatikanischen Konzil der  1. Auschwitzprozess von 1963 – 1965 stattgefunden hatte. Im Vorwort des Programms heißt es, dass die Konziliare Versammlung ein Versuch ist, an den Aufbruch und die Hoffnungen des Zweiten Vatikanischen Konzils zu erinnern, gleichzeitig aber auch mit der Erwartung verbunden: „dass wir uns sammeln im doppelten Sinn des Wortes: „Innehalten, sich orientieren, neu sortieren einerseits und zusammenkommen, sich zusammenschließen und organisieren andererseits.“

Als deutliche Kritik an der Reaktivierung des Juden-verdammenden Gebetes in der Karfreitags- Liturgie durch den derzeitigen Papst, das Papst Johannes XXIIII damals unter großer Zustimmung ersatzlos gestrichen hatte, sind drei Seminare der Versammlung zu verstehen: „Der gekreuzigte Jude – notwendige Fragmente einer Christologie und Theologie ‚nach Auschwitz‘“. In anderen Seminaren ging es um die Solidarität mit Flüchtlingen „als aktuelle Herausforderung der europäischen und vor allem auch deutschen  Asylpolitik“. Gefordert wurde:  „Um Europa keine Mauer. Bleiberecht für alle und auf Dauer!“. Mit dem ökumenischen Netzwerk Rhein-Mosel-Saar diskutierten die Teilnehmer zum Thema: „Das Ganze verändern – den Kapitalismus überwinden“ nicht als parteipolitische Option, sondern als dringliche Frage an die Kirche in Hoffnung und Widerstandsbereitschaft. Dieser Gedanke prägte auch die Diskussionen über die „Kirche in der Welt heute? Über die Selbstmarginalisierung des politischen Katholizismus“.

Bereits auf der Eröffnungsveranstaltung wie auch später im Seminar verweist Susan George  auf die Folgen neoliberaler Krisenpolitik des Finanzmarktkapitalismus und die Notwendigkeit dagegen widerständig zu sein. Folgerichtig demonstrierten anschließend  150 Teilnehmer zusammen mit den Ordensleuten für den Frieden vor der deutschen Bank. Am Sonnabend lud Pater Bökermann zum Stadtrundgang „Armut und Reichtum in Frankfurt“ ein.

Die Befreiungstheologin Nancy Cardoso, Brasilien beschrieb aus lateinamerikanischer Sicht den Kapitalismus als extremste Kult-Religion ohne Transzendenz. Für sie – die bekennende marxistische Theologin  – ist der Kapitalismus ein sich erschöpfendes gesellschaftliches  System extensiver  Ausbeutung von Mensch und Natur. Es ist ein System, das ohne Pause die eigene  Erschöpfung betreibt und zur Maximierung von Profiten  über Leichen geht.

Die menschenverachtende Seite des Kapitalismus beschrieb auf andere Weise auch  die „ Aktion Aufschrei – Stoppt den Waffenhandel“, die auf ihrer Webseite über weltweiten Waffenhandel und Gegenaktionen gegen informieren und die 2012 den Stuttgarter Friedenspreis erhalten haben. Die Jugendarbeitsgruppe der Würzburger Synode  rief auf zu „Solidarität und Widerstand“, die Gruppe Arbeitergeschwister stellet ihre Aktivitäten zum Thema: “Menschwerdung auf der Arbeit, im Stadtteil, mit Flüchtlingen“ vor, die „Ökumene 2017“ formiert sich unter der Losung: „Ungehorsam – Schritte der Befreiung in Kirche und Gesellschaft“  und der Arbeitskreis der Religionslehrer des Institutes für Theologie und Politik wählte das Thema: „Ohne Subversion wird es nicht gehen! Zum Umsturz der Talente-Ökonomie im Matthäus-Evangelium“. Im Seminar: „Ordensfrauen und radikaler Feminismus“ erzählte Elisabeth Schüssler Fiorenza (USA) vom Kampf der Ordensfrauen gegen das Patriachat in der Katholischen Kirche und die Repressionen von Seiten des Vatikans.  Intensiv diskutierte auch eine kleine muntere Runde von Vertretern der  Akademie Solidarische Ökonomie, das Ökumenische Netz Württemberg und Pax Christi über den „Kaputtalismus und die ökumenische Basisversammlung 2014“.

Am Schluss der intensiven Versammlungsarbeit wurde eine Botschaft der Konziliaren Versammlung nach ausführlicher Redaktion im Plenum  verabschiedet.

In dieser Botschaft beeindruckt die sachliche Aufgeschlossenheit und Klarheit gegenüber den gesellschaftlichen Problemen, die als „Zeichen der Zeit“ von der katholischen Kirche kritisch erkannt werden müssten und die Forderung, notwendige „Alternativen zur neoliberalen Herrschaft von Kapital- und Gewinnsucht“ nicht nur zu fordern, sondern selber schon zu praktizieren. In der Botschaft heißt es: „Wir widersetzen uns einem Denken und Handeln in Politik und Wirtschaft, das uns weismachen will, es gebe keine Alternative zur kapitalistischen Weltordnung. Die Gewissheit, dass eine andere Welt möglich ist, steht unserer Überzeugung nach in engster Verbindung mit der Reich-Gottes-Botschaft Jesu, die vom Konzil neu zu Bewusstsein gebracht wurde.“

Die konziliare Versammlung in Frankfurt war überzeugt, im Sinne von Johannes XXIII sich als Kirche, d.h. als  „Volk Gottes“ zu verstehen, verbunden mit „vielen suchenden Menschen weltweit, mit „feministischen sozialen und politischen Menschenrechts- und Demokratiebewegungen“.  „Darin sind die Lesben-, Schwulen-, Transgender- und Intergender-Bewegungen eingeschlossen.“

Die biblische Botschaft vom Gott des Lebens wurde verstanden  im Sinne des Zweiten Vatikanischen Konzils als Zuspruch und Anspruch: „Anders Mensch sein in einer anderen Kirche für eine andere Welt“.

 

KONZILIARE VERSAMMLUNG – DER AUFRUF

Ein Gedanke zu „Frankfurt im Oktober 2012 – Widerstand gegen den neoliberalen Zeitgeist: Blockupy und Konziliare Versammlung in Frankfurt am Main

  1. “Sollte es irgendwelche Götter geben, deren Hauptanliegen der Mensch ist, so können es keine sehr bedeutenden Götter sein.”

    Arthur C. Clarke

    Ein unbewusster, noch nicht aus dem geistigen Tod der Religion (Rückbindung auf den künstlichen Archetyp Jahwe = Investor) auferstandener Mensch, der “Kapitalismus” sagt, meint “kapitalistische Marktwirtschaft”, und die Befreiung der Marktwirtschaft (Paradies) vom parasitären Gegenprinzip des Privatkapitalismus (Erbsünde) durch die Verwirklichung der Natürlichen Wirtschaftsordnung (“Königreich des Vaters”) übersteigt sein Vorstellungsvermögen:

    http://opium-des-volkes.blogspot.de/2011/07/die-ruckkehr-ins-paradies.html

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