Michael Brie: Herrschaft und Glaube

Eine Geschichte aus dem Neuen Testament anders erzählt

Immer wieder lese ich von der ersten christlichen Gemeinde in Jerusalem und dem Umstand, dass sie auf dem Gemeineigentum basierte. Auch Rosa Luxemburg hat sich darauf bezogen, aber kritisch darauf hingewiesen, dass es vor allem eine Gemeinschaft der Konsumtion, nicht die Produktion gewesen sei (Luxemburg 2005). Verdrängt und oft auch ganz einfach verschwiegen wird, dass in dieser nun fast zweitausend Jahre alten Erzählung auch von Herrschaft und Mord berichtet wird. Verblüfft habe ich mich immer wieder gefragt, warum die Ambivalenz des neuen, des christlichen Aufbruchs – und zwar von den ersten Tagen an – so sehr in Vergessenheit gebracht ist. Oder auch: Wenn sie erinnert wird, dann wird, ich werde es zeigen, der Tragödie ausgewichen.

Die Bibel wiederum erzählt eine Geschichte über die erste Christengemeinde und ihre Gütergemeinschaft, die für mich sehr viel mit den frühen Gefahren der Verwandlung der christlichen Offenbarung und des Gemeineigentums in einen neuen Götzen zu tun hat. Sie erzählt von dem Ehepaar Ananias und Saphira. Sein Name bedeutet, „Jahwe ist gnädig“ und ihrer, so Neudorfer (1995: 111), könne mit „die Schöne“ übersetzt werden. Ich zitiere die Ende des 1. Jahrhundert unserer Zeitrechnung entstandene Apostelgeschichte aus dem Neuen Testament:

Gütergemeinschaft der ersten Christen

Die Menge aber der Gläubigen war ein Herz und eine Seele; aber auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.
Und mit großer Kraft gaben die Apostel Zeugnis von der Auferstehung des Herrn Jesu, und große Gnade war bei ihnen allen.
Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wie viele ihrer waren, die da Äcker oder Häuser hatten, die verkauften sie und brachten das Geld des verkauften Gutes und legten es zu der Apostel Füßen; und man gab einem jeglichen, je nachdem einer in Not war…

Ananias und Saphira

Ein Mann aber mit Namen Ananias samt seiner Frau Saphira verkaufte einen Acker und entwendete etwas vom Gelde mit Wissen seiner Frau und brachte einen Teil und legte es zu der Apostel Füßen.
Petrus aber sprach: Ananias, warum hat der Satan dein Herz erfüllt, dass du den heiligen Geist belögest und entwendest etwas vom Geld des Ackers?
Hättest du ihn doch wohl mögen behalten, da du ihn hattest; und da er verkauft war, war es auch in deiner Gewalt. Warum hast du dir solches in deinem Herzen vorgenommen? Du hast nicht Menschen, sondern Gott belogen.
Als Ananias aber diese Worte hörte, fiel er nieder und gab den Geist auf. Und es kam eine große Furcht über alle, die dies hörten.
Es standen aber die Jünglinge auf und deckten ihn zu und trugen ihn hinaus und begruben ihn.
Und es begab sich über eine Weile, bei drei Stunden, da kam seine Frau herein und wusste nicht, was geschehen war.
Aber Petrus sprach zu ihr: Sage mir, habt ihr den Acker so teuer verkauft? Sie sprach: Ja, so teuer.
Petrus aber sprach zu ihr: Warum seid ihr denn eins geworden, zu versuchen den Geist des Herrn. Siehe, die Füße derer, die deinen Mann begraben haben, sind vor der Tür und werden dich hinaustragen.
Und alsbald fiel sie zu seinen Füßen und gab den Geist auf. Da kamen die Jünglinge und fanden sie tot, trugen sie hinaus und begruben sie neben ihren Mann.
Und es kam eine große Furcht über die ganze Gemeinde und über alle, die dieses hörten.“ (Apostelgeschichte 4 und 5)

Ich will diese Geschichte noch einmal mit eigenen Worten erzählen: In der Apostelgeschichte wird von zwei älteren Menschen erzählt, Ananias und Saphira, die sich einer neuen Idee anschließen, Menschen, die eine neue Mitmenschlichkeit erleben wollen, die einer Gemeinschaft der Nächstenliebe beitreten, wo allen alles gemeinsam gehört und alle ein Herz und eine Seele sind. Sie suchen eine Alternative zu der Jagd nach Reichtum und Eigensucht, die die von den Römern unterjochte und durch machtgierige jüdische Priester dirigierte Stadt Jerusalem beherrscht. Sie schließen sich der Gemeinde an, übergeben ihr aber nur einen Teil ihres Vermögens. Sie lügen, als sie den Schein erwecken, nichts für sich behalten zu haben.

Die christliche Gemeinde versteht sich als eine Erneuerungsbewegung, die mit dem ganz Neuen zugleich das ganz Alte herstellen und den Gott Israels wieder als alleinigen Eigner des Landes einsetzen will: „Die da verkaufen, sind Erwerber von Landstücke oder Häusern. Sie haben also etwas erworben, was (nach der Tora – M. B.) auf Dauer nicht zu erwerben war. Wenn sie diese Stücke nun verkaufen, vollziehen sie gerade die Forderung der Tora. Sie verkaufen, was ihnen dazu diente, andere von sich abhängig zu machen und Mehrwert zu schaffen. Und sie hatten erworben, was gar nicht in ihrem Besitz war. Das erneuerte, geeinte Israel lässt praktisch werden, was ihm in der Tora geboten ist… Nicht nur Israel wird also erneuert, sondern auch und gerade die Gesellschaft, in der es lebt. Die gesellschaftliche Erneuerung und Veränderung ist hier das Ziel, in der Tat: eine neue Schöpfung.“ (Jankowski 2000, 140 f.)

Der Betrug von Ananias und Saphira wurde Petrus hintertragen. Er hätte die Geschichte leise in einem Sechs-Augen-Gespräch ausräumen können; er hätte den beiden die Chance lassen können, sich getreu den in der christlichen Gemeinde erneuerten Grundsätzen der Tora zu verhalten oder still die Gemeinde zu verlassen. In den Briefen des Apostel Paulus an die Gemeinden in Galatien wird dieser später schreiben: „Wenn einer sich zu einer Verfehlung hinreißen lässt, meine Brüder, so sollt ihr, die ihr vom Geist erfüllt seid, ihn im Geist der Sanftmut wieder auf den rechten Weg bringen… Einer trage des anderen Last“ (Galater, 6, 1-2). Petrus aber eiferte. Sanftmut ist seine Sache nicht. Ihm ging es um die neue Sache, den neuen Glauben, für den sich sein Christus geopfert hatte. Sie sollte rein bleiben von jedem Betrug. Er verlangte ein über- oder auch unmenschliches Entweder-Oder.

Jankowski mag recht haben, wenn er die Bedeutung dieses Betruges für die christliche Bewegung sehr hoch anschlägt: „Keiner soll Eigentümer an Land sein. Denn Er, der Gott Israels, ist Eigentümer des Landes. Durch den Verkauf bekommt er gleichsam sein Eigentum zurück. Dann aber gehört der Erlös auch nicht mehr dem einzelnen, sondern Gott und dient der Gemeinschaft zur Nutznießung. Wer davon etwas auf Seite schafft, vergeht sich am Eigentum Gottes, er veruntreut, untreu gegenüber Gott und der Gemeinschaft ist er geworden. Und so zerrüttet er Israel, das erneuerte Israel. Er lässt die erneuerte Schöpfung gar nicht zum Ziel kommen, sondern stört sie schon an ihrem Beginn.“ (ebd., 143) Eine solche Interpretation würde bedeuten, dass alles private Landeigentum eine Sünde ist und niemand Geld, das er aus dem Verkauf von Land erhalten hat, privat nutzen darf. Dann wäre jede nichtkommunistische Gesellschaft Sünde. Dies aber steht im gegebenen Zusammenhang nicht zur Diskussion. Es geht darum, dass das Ehepaar Ananias und Saphira die Verpflichtung zum völligen Verzicht auf den Erlös einer konkreten, der Petrus-Gemeinde zugesagt hat. Oder man müsse schließen, dass alles christliche Leben letztlich nur möglich ist, wenn es auf der Basis des Gemeinbesitzes an Land und allen anderen Produktionsmitteln erfolgt – also christlich-kommunistisch. Jankowski vergisst auch, dass der Besitz an Land zu dieser Zeit nicht nur andere von sich abhängig machte, sondern auch dazu diente, sich selbst eigene Unabhängigkeit zu bewahren. Kleineres Eigentum war auch der Garant eines auskömmlichen Lebens.

Heinz-Werner Neudorfer verweist darauf, dass in der jüdischen Qumrangemeinschaft „falsche Angaben über die Besitzverhältnisse eine Rückversetzung in den Wartestand zur Folge hatten“ (Neudorfer 1995, 112). Sie hatten sich als unreif erwiesen für die Gemeinde, eine neue Chance sollten ihnen geboten werden. Mit dem Tode wurde gerade nicht gedroht. Für Neudorfer ist entscheidend: „Totalverzicht auf Besitz ist keine Forderung Jesu gewesen, wohl aber Totalverzicht auf Lüge.“ (ebd.). Die Strafe, die Ananias und Saphira getroffen habe, sei ein „Gottesurteil“. Mehr als beschönigend spricht er davon, dass Ananias durch seinen jähen Tod „aus der Gemeinde ausscheidet“ (ebd., 113). Was Neudorfer übersieht: Das Urteil traf aber nicht den Apostel Petrus, der seinen Herren drei Mal verleugnete, wohl aber ein einfaches Gemeindemitglied. Wieso sind „Gottesurteile“ so ungerecht verteilt? Dabei hatte doch Petrus geschworen: „Und wenn ich mit dir sterben müsste – ich werde dich nie verleugnen. Das gleiche sagten auch alle anderen.“ (Markus 14,31)

Werner de Boor kommt in seiner Interpretation des Schicksals von Ananias und Saphira zu einem ähnlich absoluten Schuldspruch der beiden. Die von Petrus gegründete Gemeinschaft wird ins Heilige entrückt, so dass jede Verfehlung schlimmste Sünde ist, die nur mit dem Tode bestraft werden kann. Er schreibt: „Alle Heimlichkeit ist Heuchelei, alle Heuchelei ist Lüge und alle fromme Heuchelei ist Lüge im Heiligtum… Wenn Ananias jetzt lügt, dann ‚lügt er dem heiligen Geist‘. Dahinter steht Satan selbst…“ (Boor 1968, 72). Während Jesus immer wieder gegen Eiferer predigt, die den anderen Menschen, den Nächsten aus dem Auge verlieren, ihm Mit-Leid versagen und Mit-Gefühl verweigern, wird in seinem Namen der neue Glaube vergötzt, indem er aus der Welt des Mit-Menschlichen in ein nichtmenschliches „Heiligtum“ verwandelt wird. Es wird die totale Zugehörigkeit und Unterwerfung verlangt, ein Alles oder Nichts.

Ulrich Duchrow et al. ihrerseits unterstellen dem Ehepaar Habsucht und Gier: „Das halbherzige Zurückhalten wird als ein Vergehen gegen die Armen in der Gemeinde und als ein gemeinschaftszerstörendes Verhalten verstanden. Auch für die Solidarischen lastet auf einem falschen Umgang mit Eigentum Fluch, warnt die Apostelgeschichte.“ (Duchrow et al. 2006, 425) Aber wieso soll es Gier sein, wenn jemand freiwillig größere Teile seiner Habe an eine Gemeinschaft übergibt – es sei denn, es ist die Gier nach Anerkennung gemeint. Aber Duchrow et al. beziehen die Habsucht ganz auf das Eigentum selbst, es ginge um den Solidarausgleich. Völlig unkritisch sprechen sie davon, dass das Ehepaar „das Verhängnis eines plötzlichen Todes“ (ebd.) ereilt habe. Aber wer hat wie dies verhängt? Wieso wird hier Geschichte subjektlos? Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass solche Sprachformen das Grauen verdecken – vor allem das Grauen, das den Sprechenden erfassen müsste, wenn er die Geschichte empfinden würde als eigen Geschichte.

Ich würde annehmen, Petrus sah den Betrug in größter Schärfe und empfand ihn als Bedrohung des ganzen christlichen Beginnens. Ihm schien, es ginge um alles oder nichts. Er wählte also nicht den Weg der persönlichen Klärung unter vier, unter sechs Augen, sondern stellte die beiden öffentlich bloß. Er entlarvte sie. Er nahm ihnen ihre Würde und ihr Ansehen. Für die Sünde der Veruntreuung an Gottes Eigentum sollte in seiner Gemeinde kein Platz sein. Was Christus in der alten Welt geduldet hatte – die alltägliche Sünde, was Jesus als Toleranz gepredigt hatte: „Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“ (Johannes 8), dies alles sollte in der erneuerten Welt nicht mehr gelten. Hier durfte es Sünde nicht mehr geben. Petrus wollte den radikalen Bruch und Neubeginn.

Aber vielleicht hatte Petrus auch deshalb keine Nachsicht, weil er, wie er sich doch immer und immer wieder sagen musste, selbst in unvergleichlicher Weise sündig geworden war. Hatte er nicht Jesus selbst, den Heiland, den Messias, den Mann, den er so lange begleitet hatte, mit ihm Brot und Wein, Durst und Hunger geteilt hatte, am Tage der Kreuzigung im Stich gelassen hatte?! Konnte anderen nicht verzeihen, weil er sich diese eigene Sünde nicht vergeben konnte? Wie war es damals gewesen, als Petrus seine Zugehörigkeit zu Jesus Jüngern nach dessen Gefangennahme durch die Knechte des Hohenpriesters wiederholt abstritt?! – „Und der Herr wandte sich und sah Petrus an. Und Petrus gedachte an des Herrn Wort, wie er zu ihm gesagt hatte: Ehe der Hahn heute kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“ (Lukas 22.61) Und Petrus, so wird berichtet, „ging hinaus und weinte bitterlich.“ Musste er nicht den letzten Blick seines geliebten Lehrers im Herzen haben bis an sein eigenes Ende, das er – der Legende nach – in Rom am Kreuze fand?! Trieb ihn nicht bis dahin vor allem die eigene Schuld um?!

Für Petrus war der neue Glaube so schön, so groß, so gut – ab jetzt, nach seinem eigenen Versagen zumindest, sollte kein Fleck einer Sünde mehr auf ihn fallen. Und dafür wollte er sorgen. Unbarmherzig. Bei sich und bei anderen. Deshalb durfte nicht verziehen werden, und deshalb verzieh er nicht. Und indem Petrus die christliche Lehre so emporhob über alles Irdische und deshalb immer auch Sündige, verwandelte er sie in einen neuen Götzen, einen blutrünstigen Götzen, der Opfer braucht. Er inszenierte ein Gottesgericht. Hatte Jesus sich für andere geopfert, so opferte Petrus sich und andere im Namen Jesu. Wieder wird aus einem Glauben eine „Opferideologie“, die den „Respekt vor dem Leben des anderen als einzig möglich Garantie, das eigene Leben zu bewahren“ (Hinkelammert 2009, 251), vermissen lässt.

Wieso kommt niemand auf die Idee, viel „menschlicher“ zu urteilen? Hat denn keiner der Autoren, die über diese Geschichte schreiben, eine öffentliche oder private Rentenversicherung? Wer von ihnen hat sich ganz einer auf dem ungeteilten Gemeineigentum beruhenden Gruppe ausgeliefert? Wer von ihnen ist existentiell bedroht, wenn er eine solche Gruppe verlässt und dann kein Sicherungsnetz findet – weder den Staat noch Kinder, die einspringen? Woher kommt die Bereitschaft, so leicht zu verurteilen, Petrus‘ Verhalten ganz unkritisch zu nehmen, völlig darauf zu verzichten, die Apostelgemeinschaft auch auf die Möglichkeit von neuer Herrschaft und Unterdrückung zu befragen?

Für mich stellt sich die Geschichte viel schlichter da: Ananias und Saphira wollten Teil dieser neuen Bewegung sein und zugleich waren sie ängstlich. Niemand konnte wissen, ob diese noch kleine christliche Gemeinde wirklich auf Dauer dafür sorgen könnte, dass ihre Mitglieder keinerlei Not litten. Wenn die Acker alle verkauft und das Geld aufgebraucht worden seien, wovon würde die Gemeinde dann leben? Jahre waren schon seit der Kreuzigung von Jesus vergangen und das Gottesreich immer noch nicht angebrochen. Kein Wort finden wir in der Apostelgeschichte über die Schaffung von materiellem Reichtum in der neuen Gemeinde. Auch wird sie bald verfolgt. Der jüdische König Herodes lässt Jakobus d.Ä. enthaupten. Petrus soll sich vor dem Hohen Jüdischen Rat verantwortet haben müssen und eingekerkert worden sein. 62 u.Z. trifft die Gemeinde neue Verfolgung, viele werden hingerichtet oder müssen fliehen.

Wie auch später oft, wenn es um Gemeineigentum ging, wird vor allem über die Verteilung und wenig über die Produktion gesprochen. Und was, so dachten Ananias und Saphira vielleicht, geschieht bei neuen Verfolgungen, wer würde ihnen dann helfen? So beschließen sie, den größten Teil des Verkaufserlöses der Gemeinde zu geben, aber einen Notgroschen für sich zurückzubehalten. Sie sind halbherzig, ja; sie lügen, ja. Sie wollen die Möglichkeit des Ausstiegs aus diesem Experiment nicht ganz verlieren, ja. Aber hatten sie keine zweite Chance verdient, wie sie Petrus erhielt? Und sollte nicht immer auch die Möglichkeit bestehen, eine Gemeinschaft von Menschen, von denen keiner ohne Sünde ist, zu verlassen? Muss Solidarität nicht auch die Möglichkeit bieten, die Gemeinschaft zu verlassen, wenn man nicht mehr geduldet wird oder andere Lebens- und Glaubensformen praktizieren will?

Ich behaupte also, dass die christliche Urgemeinde selbst wieder zum Götzen erhoben wird und Petrus den Erhalt und die Sicherung dieser Gemeinde über das Leben Einzelner stellt. Seine Autorität verwandelt sich in Herrschaft. Und die ersten zwei Opfer des neuen Götzen, von denen berichtet wird, waren Ananias und Saphira. Im besten Fall starben sie vor Scham, als sie sich öffentlich vor denen bloßgestellt sahen, denen sie mit Herz und Seele zugehören wollten. Ihnen brach das Herz, als ihnen gesagt wurde, dass sie der neuen Idee, die ihnen doch alles war – bis auf die kleine Sicherheit des Notgroschens eben –, nicht wert seien. Buchstäblich: Sie konnten dieses Tribunal nicht ertragen und gaben ihren Geist auf. Oder war es doch Mord? Wir wissen es nicht. Die Geschichte selbst, so wie sie erzählt, ist auch so schrecklich genug. Denn wenn sie die Scham tötete, so deshalb, weil sie in ihrem tiefsten Innern eben eine überzeugte Christin, ein überzeugter Christ waren.

„Und es kam eine große Furcht über die ganze Gemeinde“! Man mag wie Jankowski diese „Furcht“ als biblische Formel für jenes Erschrecken verstehen, wenn „unerhört Neues sich zeigt“ (Jankowski 2000, 144). Vielleicht erweckte alles Große und Neue nicht Freude, sondern Entsetzen, obwohl es auch das Gewünscht gewesen sein mochte wie die Auferstehung Christi. Dies klingt mir aber zu versöhnend. Denn hier starben Menschen, weil sie dem neuen Prinzip nicht genügten. Sie opferten sich ja selbst, denn wenn ihnen dieses Prinzip nicht zugleich heilig gewesen wäre und doch nicht alles, wenn sie nicht gespalten gewesen wären in Menschen, die sich ganz der neuen Welt anschließen wollten und doch Sicherheiten in der alten Welt suchten, dann hätten sie die christliche Gemeinde entweder nicht betrogen oder hätten sie achselzuckend verlassen. Die Furcht in der Bibel scheint mir vor allem das Entsetzen von Menschen angesichts des Einbruchs der Gott zugesprochenen Gewalt in ihre Welt zu sein, egal, ob dies mit Freude oder mit Leid verbunden ist. Es ist eine überwältigende Macht, die sich kundtut. Und in diesem Falle tötet sie. Das Große und Neue kommt also mit einer neuen Gewalt daher. Für mich ist es die Macht einer neuen Idee, die sich als christliche Gemeinde organisiert hat und Gewalt über Herzen und Hirne ihrer Anhänger erlangt, keine Barmherzigkeit übt.

Und noch etwas anderes sollte bedacht werden: Der Apostel Petrus hatte seine Stellung im Dienste der neuen Idee gefestigt. Sichtbarlich war er Stellvertreter Gottes auf Erden. Nur durch Worte hatte er getötet, wo Jesus durch Worte nur geheilt hatte. Welche Macht musste dies sein! An der Spitze der neuen Gemeinde war die Macht der Idee zu seiner eigenen Macht geworden. Gottes Macht war seine Macht, wer konnte sie noch kontrollieren? Vielleicht hat er sie nur einmal so eingesetzt. Aber seine Nachfolger auf dem Stuhle Petri taten es hunderttausendfach.

Und dann waren da auch schon die, die immer da sind, wenn Zwänge durchzusetzen sind – die Jünglinge, die flott und ohne Trauer und Anklage die Entsorgung der Leichen übernehmen. Es waren ja Exkommunizierte, Ketzer, Dissidenten, die da weggeschafft wurden. Solche „Jünglinge“ finden sich immer, glatt, bedenkenlos, allzu willfährig und vorbehaltlos. Sie kommen in den einfachen Gewändern der Juden, den Rüstungen römischer Soldaten, den Kutten eifernder Mönche, in knarrenden Stiefeln und Ledermänteln totalitärer Geheimdienste oder eben als Yuppies im Bankgeschäft, wenn es um Rüstung oder Chemieanlagen ohne ausreichende Sicherheitsstandards geht.

Es gibt viele Götzen. Der Markt, die Gemeinschaft, der Staat, die Wissenschaft, der Glaube können zu solchen werden. Immer, wenn Menschen, soziale Gruppen oder Organisationen gesellschaftlich etwas auf Dauer stellen wollen, schaffen sie Institutionen. Diese geben Halt, sichern Beständigkeit der Absichten auch dann, wenn der Wille nachlässt, diese Absichten zu verwirklichen. Was nicht zu Institutionen gerinnt, bleibt wirkungsohnmächtig, wird bestenfalls zu einer verlorenen Hoffnung.

Aber eben deshalb, weil Menschen dauerhaft nur vermittels von Institutionen wirken können, da nur diese Macht verbürgen, und ohne Macht Vernunft niemals Wirklichkeit werden kann, geht Macht von Menschen in Macht von Institutionen über Menschen über, wird zu Sachzwängen, kann zum Götzen werden. Daraus ergeben sich zumindest zwei Schlussfolgerungen für jede Politik, die soziale und humane Zielstellungen verfolgt:

(1) Es gibt keine gesellschaftlichen Verhältnisse und Institutionen, die per se die Durchsetzung von Menschenrechten, Emanzipation und Partizipation verbürgen. Institutionen sind prinzipiell ambivalent – bis auf die der Massenvernichtung. Diese ist an sich das Böse. Es gibt deshalb weder einfache noch endgültige institutionelle Lösungen für die Menschheitsprobleme, wie im Bild vom Kommunismus oftmals gedacht wurde. Wie Franz Hinkelammert betont: Die Menschenrecht haben „Vorrang vor jeder Institutionalisierung“: „Die Geltung von Menschenrechten muss sich … stets auf Gesetzesverfahren … stützen. Daher sind Menschenrechte nur durch einen ständigen Konflikt mit den Institutionen in ihrer Eigenständigkeit zu bewahren.“ (Hinkelammert 2007, 377) Alle Institutionen haben ungewollte Nebeneffekte, machen bestimmte Probleme besser bearbeitbar und erzeugen dafür andere. Ein Verbalradikalismus, der die einzige richtige allumfassende institutionelle Lösung anbietet und alle anderen Institutionen einfach zu Götzen erklärt, ist bestenfalls eine Illusion und eher Betrug und Selbstbetrug. Er ist weder wissenschaftlich ernst zu nehmen noch politisch akzeptabel bzw. moralisch legitimiert.

(2) Institutionen, die ihren Bezug auf die Durchsetzung von Menschenrechten nicht verlieren und nicht zu Götzen werden sollen, die uns beherrschen, müssten a) demokratisch-öffentlich revidierbar bleiben (Prinzip der Revidierbarkeit); b) sie dürfen nicht totalitär alles umfassen, sondern Platz für andere, ihnen gegenüber widersprüchliche Institutionen lassen (Pluralitätsprinzip); c) sie müssen auf Gewaltenteilung in und zwischen diesen Institutionen und auf Wettbewerb aufbauen (Prinzip der Gewaltenteilung).

Es geht also nicht darum, ob Markt oder ob Gemeinschaft oder ob Staat, sondern immer nur darum, welche Art derselben und in welchem Verhältnis zueinander mit welchen Mechanismen des Schutzes vor hemmungsloser Verselbständigung ausgerüstet, die höchste Kapazität der Bearbeitung der jeweiligen Probleme im Sinne der gleichen und umfassenden Durchsetzung von Menschenrechten gewährleistet. Nur dann kann die Verbindung von Macht und Glaube nicht in neue Herrschaftssysteme münden.

Literatur

Boor, Werner de (1968). So wird Gemeinde Jesu in der Welt, Berlin: Evangelische Versandbuchhandl. Ekelmann

Duchrow, Ulrich/Bianchi, Reinhold/Krüger, René/Petracca, Vincenzo (2006). Solidarisch Mensch werden. Psychische und soziale Destruktion im Neoliberalismus – Wege der Überwindung, Hamburg : Oberursel: VSA

Hinkelammert, Franz J. (2007). Das Subjekt und das Gesetz. Die Rückkehr des verdrängten Subjekts, Münster: Edition ITP-Kompass

Hinkelammert, Franz J. (2009). Luzifer und die Bestie. Eine fundamentale Kritik jeder Opferideologie, Luzern: Edition Exodus

Jankowski, Gerhard (2000). „… Und hatten alles gemeinsam“ (APG 4, 32) Luzern, in: Füssel, Kuno/Segbers, Franz (Hrsg.): „…so lernen die Völker des Erdkreises Gerechtigkeit“. Ein Arbeitsbuch zu Bibel und Ökonomie, Salzburg: Anton Pustet, 139–146

Luxemburg, Rosa (2005). Kirche und Sozialismus (1905), Rosa Luxemburg Stiftung, abrufbar unter: http://www.rosalux.de/fileadmin/rls_uploads/pdfs/Standpunkte_0504.pdf

Neudorfer, Heinz-Werner (1995). Bibelkommentar, Band 8: Apostelgeschichte, 1. Teil, Neuhausen-Stuttgart: Hänssler-Verlag, Neuhausen

 

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