ÖKT & RLS

Im folgenden Artikel stellen wir unser gegenwärtiges (!) Selbstverständnis zum Verhältnis von 2. Ökomenischem Kirchentag und Rosa-Luxemburg-Stiftung dar. An einem Dialog darüber sind wir ausdrücklich interessiert.

Wie versteht sich der Ökumenische Kirchentag

Der Ökumenische Kirchentag ist ein Laientreffen von Christen der beiden großen christlichen Konfessionen in Deutschland, der römisch-katholische Kirche und den evangelischen Kirchen. Er wird gemeinsam vom Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentags und vom Zentralkomitee der deutschen Katholiken organisiert.
Am ersten ökumenischen Kirchentag, der 2003 in Berlin stattfand, hat sich die RLS mit einer breiten Vielfalt von Informations- und Gesprächsangeboten an ihrem Stand auf dem „Markt der Möglichkeiten“ beteiligt. Kollegen aus allen Bereichen der Stiftung haben sich als Diskussionspartner eingebracht. Bedeutsam war der Empfang der RLS in den Räumen der Humboldt-Universität. Wichtige internationale Kirchentagsreferenten der Einladung der Stiftung zum Dialog mit großem Interesse gefolgt. Wichtig für die Vorbereitung dieses Kirchentages war auch die Unterstützung und Zusammenarbeit mit der Arbeitsgruppe Christinnen und Christen bei der PDS, die regelmäßig an Deutschen Evangelischen Kirchentagen wie auch an Katholikentagen teilgenommen hatte. Inzwischen konnte die Stiftung auf vier evangelischen Kirchentagen eigene Erfahrungen sammeln und wird von den Veranstaltern als interessierter Kirchentagsteilnehmer auf dem Markt der Möglichkeiten inzwischen selbstverständlich akzeptiert.

Die unterschiedliche Genesis von Evangelischen Kirchentagen und Katholikentagen

Kirchentage sind besondere Räume der Mehrheitsgesellschaft, in denen auch die Rosa Luxemburg Stiftung die Vielfalt ihrer Angebote präsentieren kann, d.h. die linke Sicht ihrer gesellschaftlichen Analysen und Perspektiven bei Gesprächsrunden, am Stand der Stiftung und Veranstaltungen auf den Bühnen des Marktes anbietet. Sie ist damit als nichtkirchliche politische Institution Teil einer gewollten gesellschaftlichen Vielfalt, wie sie die Evangelischen Kirchentage neben der kirchlichen Vielfalt präsentieren. Dieses gilt so nicht für Katholikentage, die vor allem kirchlichen Initiativen Raum zur Präsentation bieten. So konnten Christinnen und Christen bei der PDS bzw. der LINKEN offizielle Teilnehmer sein, aber sich vor Ort nicht mit einem Stand darstellen.
Es ist wichtig, die unterschiedlichen Traditionen der Kirchentage der beiden Konfessionen zu verstehen:
Der erste Katholikentag fand bereits 1848 in Mainz zeitgleich zur Frankfurter Nationalversammlung als Generalversammlung der katholischen Vereine in Deutschland statt. Damals ging es den mehrheitlich politisch konservativ geprägten 87 Delegierten der katholischen Vereine in Deutschland und den 100 teilnehmenden Geistlichen und Laien um ein gesamtdeutsches Dach, um die kirchliche Unabhängigkeit von nationalstaatlicher Bevormundung und vor allem um die Sicherung gesellschaftlicher Einflussmöglichkeiten. Im Forderungskatalog an die deutsche Nationalversammlung widersetzten sich sowohl die Laienvertreter wie die Geistlichen der katholischen Kirche staatlicher Reglementierung und forderten die Selbstverwaltung der katholischen Kirche, die Ergänzung des Schulaufsichtsrechts des Staates durch ein Aufsichtsrecht der katholischen Kirche über den Religionsunterricht. Vor allem forderten sie die Aufhebung des Verbotes des Jesuitenordens in Deutschland. Diese Generalversammlung, die sich später in „Katholikentag“ umbenannte, forderte bereits ein Jahr später auf ihrem Treffen in Regensburg das Recht auf Selbstorganisation und Beteiligung von Laien an kirchlichen Entscheidungen, die allerdings grundsätzlich an die bischöfliche Verantwortung für die Kirche gebunden bleiben.
Die katholische Kirche in Deutschland war in der Zeit des Faschismus durch das päpstliche Konkordat mit der Hitler-Regierung gebunden, deshalb konnte es auch keinen offiziellen Widerstand von Seiten der Kirche geben. Die große Zahl katholischer Persönlichkeiten, die sich dem faschistischen Staat entgegen stellten, konnten dies darum nur in persönlicher Verantwortung tun. Pius der XXII (Amtszeit von 1939 – 1956) hat nicht ex kathedra, aber mit der Autorität seiner Person schon am 3.8.1948 die Vertreibung der Deutschen aus den Ostgebieten „großes Unrecht“ genannt und 1949 ein sogenanntes „Kommunismus-Dekret“ erlassen, dass jedem Katholiken die Unterstützung kommunistischer Parteien untersagt, einschließlich der Mitgliedschaft. In dieser Tradition steht auch seit 40 Jahren die Kritik an der katholischen „Theologie der Befreiung“. Daran ist vor allem der jetzige Papst schon in seiner früheren Funktion als Vorsitzender der „Kongregation für die Glaubenslehre“ beteiligt gewesen ist (siehe hierzu Beiträge von Dr. Michael Ramminger, Institut für Theologie und Politik in Münster, auf der Webseite der Stiftung).
Im Präsidiums des Zentralkomitee der deutschen Katholiken – dem Initiator und Träger der Deutschen Katholikentage sind heute vor allem Politiker aus CDU/CSU und SPD wie z.B. Alois Glück (CSU), als ihr Generalsekretär, Dieter Althaus, Maria Böhmer, Hermann Kues (CDU), Wolfgang Thierse (SPD) und Philip Rösler (FDP) vertreten. Im November 2008 ausgeschieden waren Annette Schavan, Erwin Teufel und Bernhard Vogel.
Der Deutsche Evangelische Kirchentag hat nicht an die Tradition des „Wittenberger Kirchentages“ von 1848 angeknüpft, auf dem Johann Hinrich Wichern, Hamburg, unter großem Beifall erklärte, dass die Forderungen des „Kommunistischen Manifestes“ der „Inbegriff aller menschlichen Sünden seien“. Der Deutsche Evangelische Kirchentag (DEK) hat 1945 vielmehr an die 1939 verbotenen Bibelwochen der Bekennenden Kirche (BK) angeknüpft, zu denen damals nach Hannover eingeladen worden war. Als Zeichen direkter Anknüpfung an die BK-Tradition fand auch der 1. Kirchentag 1949 in Hannover statt. Am Anfang dieser Kirchentagsbewegung steht also nicht nur Kritik, sondern klare Abgrenzung von großen Teilen der Evangelischen Kirchen, die dem Nationalsozialismus gegenüber wohlwollend indifferent oder aber bewusst in der Tradition der „Deutschen Christen“ eine nationale, antisemitische Umdeutung der evangelischen Kirche akzeptierten: „Jesus ist nicht Jude, sondern Arier“.
Das Präsidium des DEK versteht sich als unabhängig von landeskirchlichen Strukturen. Auch hier sind im Präsidium zurzeit bekannte PolitikerInnen wie Dr. Christine Bergmann, Wolf-Michael Catenhusen, Dr. Reinhard Höppner (alle SPD), Katrin Göring-Eckardt (Grüne).
D.h. beide Leitungsgremien der Kirchentage sind durch ihre personelle Besetzung eng mit aktueller Politik verbunden. Allerdings wurde die Einrichtung des „Marktes der Möglichkeiten“ des Evangelischen Kirchentages, an dem auch gleichberechtigt politischen Initiativen für die Dauer des Kirchentages eine eigenständige öffentliche Präsentation gewährt wird, vom Katholikentag nicht übernommen. Dagegen wurde dieses Forum für den ersten Ökumenischen Kirchentag von katholischer Seite doch akzeptiert.
Derzeit werden vom Vatikan ökumenische Beziehungen höchst kritisch bewertet, zumal der kirchliche Autoritätspegel mit dem Papst an der Spitze, auch von vielen Katholiken durchaus biblisch fundiert – offen kritisiert wird. Nachdrücklich geschieht das in der Theologie der Befreiung bereits seit 40 Jahren. Auf dem zweiten Vatikanischen Konzil hatte Papst Johannes XXIII die Anfänge der Theologie der Befreiung ausdrücklich unterstützt, während der heutige Papst Theologieprofessoren und Bischöfe, die sich zu dieser Theologie bekennen behindert oder sogar offiziell reglementiert werden. Auf die frühere Rolle des heutigen Papstes als Leiter der Kongregation für die Glaubenslehre wird u.a. in Beiträgen von Franz Hinkelammert und Michael Ramminger immer wieder hingewiesen.
Der ökumenische Kirchentag 2010 wird sich vor allem als Event der Verkündigung christlicher Botschaften in der Welt verstehen, an dem mehr als 100.000 Menschen beider Konfessionen teilnehmen. Der Kirchentag versteht sich mit seinem Motto: „Damit ihr Hoffnung habt“ als Signal der Ermutigung in Zeiten der Krisen, Kriege und Umbrüche. Gerade in diesen Zeiten soll Glaube und Verkündigung Stabilität und Orientierung geben.
Zunehmen wird die sich bereits seit 2007 abzeichnende Tendenz der Spiritualisierung der Kirchentage d.h. gemeinsame Gebet, gemeinsames Singen und Feiern der christlichen Botschaft werden im Zentrum des Kirchentages stehen. Darüber hinaus wird es auch die großen Podien zu politischen Fragen der Gegenwart geben, die Auseinandersetzung mit Armut, Reichtum, die Bewahrung der Schöpfung vor Krieg und ökologischer Zerstörung. Deshalb müsse sich das Handeln des Einzelnen – so die Enzyklika „Caritas in veritate – Über die ganzheitliche Entwicklung des Menschen in der Liebe und in der Wahrheit“ und die Denkschrift der EKD: „Wie ein Riss in einer hohen Mauer“ in stärkerem Maße wieder am Glauben und an christlichen Werten orientieren. Es geht um die Umkehr zu christlichen Werten wie solidarischen und verantwortungsvollen Handelns, zu christlicher Gemeinschaftlichkeit.
Darum bleibt offen, welchen Raum gesellschaftlichen Diskursen und Kontroversen auf diesem ökumenischen Kirchentag eingeräumt werden, wie es selbstverständlich auf Deutschen Evangelischen Kirchentagen geschieht. Dass sie über einen Diskurs von Werten, wie in den EKD-Denkschriften und der letzten päpstlichen Enzyklika vorgelegt sind, hinausgehen, ist nicht zu erwarten.
Die Stiftung muss deshalb ihre geringen Möglichkeiten nutzen, um auf diesem ökumenischen Kirchentag den gesellschaftskritischen Positionen der Theologie der Befreiung auf dem „Markt der Möglichkeiten“ eine Stimme zu geben und einzuladen zu Diskursen über alternative Gesellschaftsentwürfe, Wege gesellschaftlicher Transformation zu einer solidarischen Gesellschaft.
Es geht bei der Präsentation der RLS also nicht um weltanschauliche Auseinandersetzungen, wie die Unvereinbarkeit von naturwissenschaftlichen Weltbild und Religion oder um die Gottesfrage, sondern um die seltene Gelegenheit, tausenden Menschen zu begegnen, die sich persönlich zu einer der beiden Großkirchen zählen, ausdrücklich gesellschaftlich engagiert sind, weil sie „Friede Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung“ für die Bedingungen zur Erhaltung der Welt halten.
Der Markt der Möglichkeiten ist eine Art Messespiegel von Aktivitäten, die sowohl im Inland und auch partnerschaftlich in der dritten Welt stattfinden. Es ist darum ein doppelter Lernprozess: sowohl für Linke als auch für christliche Kirchentagsteilnehmer, linke Positionen authentisch in einem für Linke ungewöhnlichem Umfeld in Erfahrung bringen können. Auf dem Markt der Möglichkeiten, auf dem sich die politischen Stiftungen präsentieren, ist dies möglich. Es ist ein politisch umkämpfter Raum, auf dem sich auch Organisationen wie Pfadfinder, Evangelische Studierendengemeinden, Friedens- und Dritte-Welt-Initiativen, KAIROS Europa, Christen für den Sozialismus, aber ein Ort, an dem sich auch Stiftungen wie zur Aufarbeitung der SED-Diktatur und die Militärseelsorge in der Bundeswehr präsentieren. Auf diesem Markt bietet sich die Stiftung als linker Dialogpartner an mit Informationsmaterialien aus allen Bereichen ihrer Arbeit:  Publikationen, Gesellschaftsanalysen und Diskussionsangeboten für gesellschaftliche Alternativen.

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